Es ist Samstag und nur noch zwei mal schlafen, dann kann ich meinen großen Sohn wieder zur Betreuung bringen. Seit Wochen ist er zuhause, ich hochschwanger und wie alle Selbstständigen am arbeiten und Paul, mein Mann, hat eine neue Arbeitsstelle und das im Schichtdienst. Vor wenigen Tagen ist mein großer Sohn mir auf den Babybauch gesprungen. Muskelfaserriss. Ich bin müde.
Noch zwei Mal schlafen und dann kann ich mich endlich auf das neue Baby in meinem Bauch vorbereiten. Das fiel so sehr hinten runter, dass ich mich wirklich wirklich freue, ab Montag meine Meditationen zu machen und endlich tagsüber zu schlafen, bevor es bald vorbei ist mit dem Schlaf.
Es ist Samstag und ich spiele mit K1 Rollenspiele. Jede 3 Minuten ein anderes. Ich krabbel über den Boden und trage ihn in den Schlaf. Er ist jetzt 17 Monate alt und braucht meine Nähe sehr. Er ist wild und lustig. Und heute besonders wild. Also toben wir.
Am späten Nachmittag kommt Paul von der Arbeit und wir gehen zusammen spazieren. Wir kommen nicht weit – ich fühle mich völlig erschöpft und jeder Schritt ist anstrengend und tut mir heute weh. Also sitze ich auf dem Spielplatz auf der Bank und schaue beim Spielen zu. Wir gehen kurz danach Heim und die 600 Meter fühlen sich wie ein Marathon an.
Zum Glück kann ich ab Montag endlich die Füße hochlegen.
Wir bereiten Abendbrot vor, aber ich bin viel zu müde und entschuldige mich bei Paul und k1, aber ich muss sofort ins Bett. Ein bisschen die Augen schließen.
Ich lege mich ins Bett, atme tief durch und döse vor mich hin. Ich könnte schwören, dass ich noch nie so müde war in meinem Leben. In dem Moment bin ich fast ein bisschen sauer auf meinen Körper – ich bin doch sonst voller Tatendrang. Und eigentlich müsste ich mal die Kliniktasche packen, für den Fall der Fälle. Es sind noch 2-5 Wochen bis zur Geburt und der Utensilien – Wagen für die Hausgeburt ist seit wenigen Tagen gepackt.
Es knackt im Bauch.
Ich lache und denke „Witzig! Haben mir doch immer die Frauen gesagt, dass es so knackte, wenn sie einen Blasensprung haben.“
In genau diesem Moment liege ich komplett im Nassen. „Paaaaaaaaaul! Paaaaaaul!!!!!! Komm schnell!“
Ich habe Panik. Blasensprung? Baby? Jetzt? Was? Warum? Bestimmt werde ich grad inkontinent. Bitte lass mich einfach grad inkontinent werden.
Paul kommt. Starrt mich an. Ich heule und sag ihm wo das Wägelchen mit den Handtüchern ist. Hilfe. Keine Geburt jetzt. Es ist noch zu früh. Das Baby darf noch nicht kommen. Ich bin nicht so weit. Wo ist k1? Oh Gott, ich liebe ihn so!
Paul legt mich trocken. Ich zitter und rufe meine Hebamme an „Maren, du fährst jetzt in die Klink. Es ist zu früh, wir können keine Hausgeburt machen.“
Ich weine. Ich bin auf all das nicht vorbereitet. Habe ich mir all das doch so anders vorgestellt. Mit Kerzenschein und meinem großen Sohn mit dabei. Ich weine und habe Angst. Angst um mein Baby im Bauch. Angst, ich könne nicht mehr Herr meiner Geburt sein.
Paul trägt den großen auf dem Arm und ich laufe ins Bad. Mache einen Test, ob „die 2 Liter“, die aus mir rauskamen wirklich Fruchtwasser waren. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zu letzt. Aber in diesem Falle: Blasensprung – sehr eindeutig.
Die Nachbarin kommt und holt unseren Sohn, dem wir sein Wimmelbuch eingepackt haben, paar Snacks und Wechselkleidung. Er weint wie verrückt – er spürt, dass etwas anders ist. Paul trägt ihn rüber. Der kleine Mann schaut mich weinend und verängstigt an. Ich weine weiter – es wird alles anders sein, wenn wir uns wiedersehen…. mein Kind ist das erste mal von mir getrennt und mein Herz zerspringt in tausend Teile.
Paul hat Zahnbürsten, unbequeme Slips und Zeug, was man nicht braucht eingepackt und geht mit mir zum Auto. Ich sitze auf einer knisternden Unterlage und sage „Was für eine Scheisse. Jede Statistik spricht dagegen. Dem
Kind zieh ich die Ohren lang, wenn es da ist.“
„Das ist abgefahren. Alles wird gut werden. Wir werden das schaffen und die Hebamme kommt auch ins Krankenhaus.“
„Ja. Jetzt geht kein Weg daran vorbei.“
Um 19:15 betrete ich den Kreißsaal ohne Paul und ohne eine einzige Wehe. Mein erstes Kind ist damals recht zügig daheim zur Welt gekommen, wir wollten das Baby ungern iM Auto Begrüßen.
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Paul muss warten bis ich untersucht werde und Wehen habe. Die hEBAMME, die mich empfängt kenne ich aus meiner Ausbildung – bekannte Gesichter – das tut mir grad gut! So gut!
Muttermundsbefund: nicht tastbar – irgendwo in Münster.
Ich geh kurz Pipi machen und habe die erste Welle – wie bei KIND eins, direkt sehr intensiv. Meine ehemalige Kollegin holt sofort Paul in den Kreißsaal. Ich bin super aufgeregt und schaue auf mein Handy. Eine Nachricht von der Nachbarin. Ein Bild vom Sohnemann wie er friedlich schläft. Mit laufen die Tränen – ich lasse los. Ich kann lieben. Ich kann gebären und ich kann die Situation nicht ändern, die hat sich das zweite Kind so gewählt. Ich geh mit, denn ich komme ins Vertrauen. Ich nehme Paul in den Arm und wiege und Kreise mein Becken im stehen bei jeder Welle.
Ich streichle meinen Bauch und sage „ich bin bereit, wenn du es bist.“
Die Wellen kommen alle zwei Minuten. Ich veratme, schwitze und laufe durch den Raum. Ich möchte, dass meine Hebamme kommt.
Wir haben etwa 21:00 als unsere Hebamme da ist. Ein gutes Gefühl. Sie wird sich um alles kümmern, ich darf jetzt mein Hebammenhirn ausschalten.
Das CTG nervt mich gewaltig. Ständig piepst etwas, weil ich mich ganz meinem
Körper hingebe in den Wellen. Einen Venen-Zugang habe ich abgelehnt und bin heil froh, denn ich schwitze so sehr, dass kein Pflaster auf mir halten könnte.
Ich versuche mich ständig mit meinem Baby im Bauch zu verbinden, aber oft holt mich Paul heraus, indem er fragt ob ich trinken möchte oder etwas anderes brauche. Ich spüre wie aufgeregt er ist – allerdings anders als bei der ersten Geburt
Ich gehe in den 4 Füssler und muss automatisch mitschieben. Das geht eine Weile so, aber ich spüre wie mein Baby nicht hinunter rutscht.
Das CTG wird auffällig. Die Ärztin kommt und ich sage „Ich mache alles, was sie wollen, aber machen sie nichts mit mir,
Was ich nicht will. Eigentlich sollte das Baby zuhause geboren werden. Aber ich mach das jetzt hier wegen der Frühgeburtlichkeit und ich werde das gut machen.“ die Ärztin schaut mich an und sagt „Sehr gut! Ich habe auch eins meiner Kinder zuHause geboren. Ich werde nichts machen und mich im Hintergrund halten.“
Okay – bestes Setting. Kein Mann hier im Raum außer meiner. Der Gebärgott hat mich erhört. Ich fühle mich wohl. Baby, du kannst kommen.
Ich turne. Auf die Seite. Auf die andere Seite. Tiefe Hocke. Aufstehen. 4 Füssler. Ich bin bereit für mein Baby. Paul küsst mich viel und hilft mir beim kreisen vom Becken. Er turnt jede Übung mit mir und ist so präsent. So da. So verbunden.
Das CTG wird schlechter. Meine Hebamme untersucht mich und sagt „Das Baby liegt falsch und hängt ein bisschen fest. Maren, du musst das bitte jetzt genau so machen, wie ich das sage.“
„Ja. Mache ich“
Ich setze mich auf den Gebärhocker und soll mich in der nächsten Welle überstreckt nach hinten werfen – in die Arme von Paul. Ok. Das nenne ich mal Geburtsarbeit. Ich kann das.
Die nächste Welle kommt. Ich werfe mich nach hinten und muss mitschrieben und spüre wie das Köpfchen tiefer rutscht.
Ich gucke meine Hebamme an und sage „Das Baby liegt immer noch falsch, aber es ist tiefer gekommen. Ich schieb es jetzt einfach raus.“ ich spüre eine unfassbare Kraft und den stärksten Willen meines Lebens in mir. Ich möchte jetzt mein Baby im
Arm halten.
Sie schaut mich irritiert an und ich schiebe in ihre und meine Hände um 22:44 unseren wundervollen Sohn, der seine Reise als Sternengucker und mit einer Hand am
Kopf begann.
Ich nehme mein Kind sofort zu mir und wir schauen ihn völlig baff und verliebt an.
2-3 Minuten nach der Geburt verliere ich zu viel Blut und muss schnell in einen anderen Raum. Nackt und mit meinem Baby auf dem Arm laufe ich schnell rüber und sage zu Paul „So ein Kreislauf klappt erst zeitversetzt zusammen.“ Mein Hebammenhirn.
Auf dem Untersuchungsbett angekommen blute ich nicht mehr und bestaune weiter meinen Sohn.
Du kleines Wunder. Du kleiner Planänderer.
Danke, dass ich so über mich hinaus wachsen durfte. Danke, dass ich deine Mama sein darf.
„Herzlich willkommen auf dieser Erde“ und ich schneide selbst die Nabelschnur durch.
Ich fühle mich unbesiegbar und müde.
Das mit dem müde soll auch noch viele Monate nach der Geburt als zweifach Mutter andauern
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Nachsatz:
Eine Geburt vor der ich, als sie sich ankündigte, so viel Angst, Respekt und keine Lust hatte 😅
Aber eine Geburt, die am Ende viel in mir heilen durfte und mir vor Augen geführt hat, dass ich alles schaffe.
